20. Juni 2020 - Ortsgeschehen

Quelle: OZ Alsfeld 18.06.2020 - Linda Buchhammer

Mehr als altes Eisen

Stephanie Merschrod hat bereits rund 200 historische Waffeleisen gesammelt / Ein Besuch in der privaten „Schatzkammer“ in Storndorf

Waffeleisensammlung

Rezept gleich mitgeliefert: Auf einigen der historischen Waffeleisen ist eine BACKANLEITUNG zu Lesen.

STORNDORF. Ansichtskarten, Briefmarken, Münzen, Radios, Tassen, Ü-Eier-Figuren, Zollstöcke - genau genommen gibt es nichts, was man nicht sammeln kann: Die Storndorferin Stephanie Merschrod hat sich auf antiquarische Waffeleisen spezialisiert. Und das wiederum nicht nur zum Abstauben und Anschauen, sondern auch zum Backen über dem Holzfeuer und zum Genießen für ihre Familie, Freunde und Bekannten.

Der Eintritt in ihre private Schatzkammer im Schwalmtal lässt bei Waffel-Liebhabern sofort die Augen leuchten. „Ab zwei Stück fällt doch schon eine Sammlung an“, sagt die Ehefrau und Mutter zweier Kinder schmunzelnd - angesichts der Tatsache, bis dato etwa 200 antike Waffelzangen und Eisen buchstäblich im Feuer zu haben“. Für den Hausgebrauch fein säuberlich ausgestellt in Steingut Kübeln oder auf mehreren Tischen vor und in der „Waffeleisen-Stube“ unter dem eigenen Dach.
Ihre Leidenschaft zum Sammeln entfachte vor etwa fünf Jahren ein gusseisernes Waffeleisen aus Schweden mit filigranen Ornamenten. Merschrod stöberte damals auf der Onlineplattform „Ebay“ und wurde von den teils kiloschweren, schmiedeeisernen Musterexemplaren mit geschichtsträchtigem Hintergrund förmlich gepackt. Als die gelernte Industriekauffrau, deren Eltern ein Gastgewerbe betrieben, im Laufe der Zeit ihre neuerstandenen Dachhoden- oder Kellerfunde schrubbte und aufpolierte, tauchte sie unwillkürlich immer mehr in die Geheimnisse der Ära, Herkunft und Bestimmung ihrer Originale ein.

„Jeder hat sein Hobby - ich rauche nicht, gehe nicht ins Fitnessstudio und stecke auch kein Vermögen in Schuhe. Eine Kollegin beispielsweise sammelt Wasserpfeifen und sagt gerne über sich, sie sei vernebelt. Und ich hätte es an der Waffel“, nimmt Merschrod die Liebkosung für ihr Hobby mit viel Humor. In ihrem Fundus finden sich Waffeleisen und Zangen aus mehreren Herren Ländern ab der Epoche des Barocks. Sie kommen aus Norwegen, Frankreich, viele gewissermaßen aus typischen Waffelgefilden Deutschlands (Westfalen und Küstenregion) oder als echte „Schweizer Brezli Eisen“ aus dem 18. Jahrhundert aus den Bergen. Keines ihrer „alten Eisen“ aber habe seinen Ursprung nachweislich im Vogelsbergkreis, erklärt die Sammlerin.

Merschrods ehrwürdigstes Eisen stammt aus dem Jahr 1669 und wurde wie über mehrere Jahrhunderte üblich für besondere Anlässe von Hand geschmiedet. Neben einer Spiegelinschrift des Namens „Hans Potzsche“ fallen hierbei einfache, teils wie von kindlicher Hand geprägte Haus- und Tiermotive auf, die gut und gerne Rückschlüsse auf ein Familienwappen zulassen.

Stephanie Merschrods Hausrezept für knusprige Hartwaffeln aus dem Zangeneisen:
Man nehme: 125 Gramm Butter, 2 Eier, 180 Gramm Zucker, 300 Gramm Mehl und etwas Orangenabrieb für den Geschmack. Erstelle aus den Zutaten einen Rührteig und backe die Waffeln über dem Holzfeuer zu leckeren Knusperwaffeln
.

In Vergleich dazu zeugen andere Waffeleisenmotive von feinausgearbeiteter Handwerkskunst. Ob Gravuren, Schnörkel, Ornamente, Inschriften, Bilder oder Muster in runden, eckigen oder mehrteiligen Herzformen unterschiedlicher Größen, sowie eine eigene Sammlung von Holzherd-Waffeleisen mit eigens „aufgeschmiedeten“ Waffelrezepten auf den Oberseiten - allesamt belohnen bereits das Auge des Betrachters mit einer unermesslichen Vielfalt an Einfallsreichtum und Gestaltungskraft. Kein Eisen gleicht dem anderen. Wie gut müssen dann erst die frisch gebackenen Werke schmecken?

In der Sammlung gibt es sogar Oblaten-Eisen zur Herstellung von Hostien mit sakralen Motiven wie Kreuzen, das Lamm Gottes und das Christusmonogramm der römisch-katholischen Kirche zu entdecken. Noch dazu gehört ein Hostieneisen mit dem oft überlieferten Lutherzitat „Is was gar ist, trinck was klar ist, rede was war ist“ und dem Datum „30. December Anno 1723“ zu den erlesenen Besonderheiten der voll gebrauchsfähigen Prachtstücke. Wenn also in den christlichen Kirchengemeinden des Umlandes zur Eucharistiefeier oder zum Abendmahl die Hostien ausgehen sollten, könnte die Storndorferin aus wenigen Zutaten eine adäquate Alternative bieten wie früher vornehmlich die Küchen der Klöster.

Das Backen auf Holzfeuerung ist natürlich eine Kunst für sich. Anders als bei den modernen Geräten mit Stecker in die Steckdose sowie rotem Kontrolllämpchen zum Aufheizen und grünem Signallicht - wenn die Waffel fertig ist gehe die Waffelbäckerei in echte Handund Gefühlsarbeit über, verrät Merschrod eine wichtige Grundzutat zum praktischen Handling.

Derweil Mönche und Nonnen die Hostien aus Weizenmehl und Wasser buken, tauchten ungefähr zeitgleich auch in den weltlichen Küchen die Waffeleisen für die einfache Süß-Bäckerei auf und der Teig wurde mit Eiern, Butter, Honig oder Zucker und Gewürzen verfeinert. Gerade in den Herbst- und Wintermonaten griffen die Waffelbäcker gerne zu ihren Waffelzangen, um mit dünnen Hartwaffeln die kühlere Jahreshälfte und den Jahreswechsel zu versüßen. Diese nämlich waren grundsätzlich länger haltbar als fluffig weiche Waffeln, weiß die backende Hobby-Historikerin zu berichten.

Merschrod selbst probiere unheimlich gerne aus. Kein Wunder also, dass auch sie das ganze Jahr über mächtig aktiv ist und auf dem Holzfeuer dosenweise mustergültige, süße oder auch herzhaftknusprige Waffeln backt zum Verschenken oder für viele Gelegenheiten zur gemütlichen Geselligkeit. Und wenn sie ihren Teig verbacken hat, säubert sie ihr Waffeleisen mit einem Küchentuch, ohne das Liebhaberstück mit Spülwasser zu fluten. „Die Eisen brauchen eine gewisse Patina, um gute Waffeln zu backen. Übung macht den Meister“, empfiehlt die Aktive auch modernen Hausbäckern vollen Tatendrang ä la „learning by doing“. Und dann liegt er in der Luft, der unwiderstehliche Duft von frischgebackenen, warmen Waffeln und lässt im Munde das Wasser zusammenlaufen herrlich.

 


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