22. März 2020 - Gruppenpfarramt Vogelsberg - Tägliche Andacht

Eine kleine Meditation in den Zeiten von Corona - von Pfr. Weigle

„Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt mir Hilfe? / Meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht.“ Ps 121, 1-2

Da sitzen wir nun im Tal der Tränen, der Sorgen und der Bestürzung. Wir leben in einem Szenario, das wir bis vor Kurzem für unmöglich hielten und manches von dem, was wir für gewiss hielten, scheint zu einem Muster ohne Wert verkommen zu sein.

Wir vertrauten immer darauf, in der Not stehen wir zusammen, nun sollen wir anderthalb Meter voneinander Abstand halten. Uns wird genommen, was uns das Kostbarste ist: Nähe und Geborgenheit. Unsere Nächsten mutieren zu Gefahrenherden, am schlimmsten, wir verwandeln uns selbst in Gefahrenquellen. Dabei wollen wir einander doch nur in den Arm nehmen und in den Arm genommen werden. Und das soll nicht sein.

Wir schreiten durch finstere Sorgentäler und um uns türmen sich Berge der Sorge, Horrorszenarien und Drohkulissen. Unsere Welt ist aus den Fugen. Wir wissen nicht mehr, worauf wir uns verlassen können, unsere vertraute Welt, unsere Arbeitsplätze, unsere Renten – alles scheint bedroht.

Wir heben unsere Augen auf – und sehen endlose Bergketten von Problemen. Wir hatten uns so schön und so behaglich eingerichtet in unserer Welt – und jetzt? Wann ist dieser Spuk vorüber? Alte Gewissheiten und Sicherheiten zerbröseln. Was nun?

Woher kommt uns Hilfe? Am besten überwinden wir Hilflosigkeit und Ohnmacht, wenn wir uns auf unsere Menschlichkeit besinnen. Ich glaube Hölderlin war es, der sagte ‚wo die Not wächst, wächst das Rettende auch!‘ Und ich sehe in diesen Tagen der Hoffnungslosigkeit auch viele anrührende Blumen der Menschenfreundlichkeit aufblühen.

In Paris stehen alle unter Quarantäne, alle sind gehalten, ihre Häuser nicht zu verlassen. Nun treten die Bürger zu bestimmten Zeiten auf ihre Balkone und beklatschen all die vielen Helfer und musizieren für sie. Unbekannte Nachbarn bieten Alten und Kranken ihre Einkaufs- und Besorgungsdienste an. In Praxen und Krankenhäusern wird viel Großartiges und nicht für möglich Gehaltenes geleistet, sogar unsere Regierenden zeigen plötzlich Umsicht und Kompetenz

Schütteln wir uns und holen uns das zurück und vor allem geben wir anderen das zurück, was uns ausmacht: unsere Menschlichkeit. Dass wir in dieser noch nie da gewesenen Situation für einen Moment überfordert sind, ist verständlich, aber ich sehe mich doch überrascht wie besonnen viele sind, wie umsichtig und einsichtig. Schütteln wir uns, seien wir Menschen unter Menschen und schauen wir, was wir unter diesen vorübergehend eingeschränkten Möglichkeiten für einander tun können. Vielleicht entdecken wir das Briefschreiben wieder? Oder telefonieren verstärkt und reden miteinander so? Vielleicht leihen wir einander gute Bücher und Filme aus oder klingeln bei den Nachbarn an, aber plaudern mit ihnen einstweilen von der Straße zum Fenster. Vielleicht nutzen wir die Gelegenheit und erledigen so manches daheim, das schon ewig auf Halde liegt? Schreibtisch oder Keller aufräumen? Balkon oder Garten verschönern? Bürokratisches erledigen? Das Zimmer umgestalten?

Schauen wir nicht immer nur wie das ängstliche Kaninchen auf die Schlange der Sorge – vergessen wir nicht die Freude am Hoppeln. Gehen wir spazieren, lüften wir Leib und Seele oder backen lieben Freunden einen Kuchen.

Besinnen wir uns auf das, was uns trägt und auf den, der uns trägt. Entdecken wir das Gebet wieder und bleiben wir gerade jetzt mit Gott und unseren Nächsten im Gespräch, lernen wir wieder neu nacheinander zu fragen und uns auszutauschen. Wir sind so viel mehr als nur Virusmutterschiffe und finden wir Wege in diesen Zeiten von Bedrohung und Anfechtung dem Virus Leben Raum zu geben.

Wir hatten uns so schön in unserem Leben eingerichtet – jetzt steht so vieles auf dem Prüfstand – auch unser Glaube. Er trägt, wenn Sie es ihm erlauben. Wir Pfarrer mögen sie gegenwärtig nicht besuchen dürfen, aber wir sind und bleiben ihre Seelsorger – rufen, schreiben, mailen Sie uns an, wir sind immer noch für Sie da und miteinander beten kann man auch via Telefon.

Erich Kästner schrieb einmal: "Das ganze Leben ist, seien wir mal ehrlich, lebensgefährlich". Lassen Sie sich nicht irre, sondern menschlich machen.

Und unser Ahnherr Martin Luther wusste: "Die Vögel der Sorge kreisen von ganz allein um Euer Haupt. Aber seht zu, dass sie in Euren Haaren keine Nester bauen." Wir können niemals tiefer fallen als in Gottes Arme. Seien Sie getrost - und: bleiben Sie gesund!

 

Gebet

Großer Gott,
wir sind voll Sorge,
unsere Seele sind aufgescheucht,
wir sind fassungslos,
mit welcher Rasanz unsere so vertraute Welt
aus den Fugen gerät
und wir werden gewahr,
wie verletzlich und anfällig wir sind.

Lass uns bei aller Sorge nicht den Blick dafür vernebeln,
was uns geschenkt ist,
vor allem, lass uns immer wieder neu erinnern,
dass du der gute Wurzelgrund bist,
aus dem wir leben
und zu dem wir gehören.

Und bitte lass uns vor allem erkennen,
was wir selbst schenken können
und es gerade jetzt auch von Herzen tun.
So werden wir wachsen und blühen in dir.

In uns ist es dunkel, aber bei dir ist das Licht.
wir sind ratlos, aber bei dir ist Hilfe.
wir sind verletzt, aber bei dir ist Heilung.
wir verstehen deine Wege nicht,
aber du weißt den Weg für uns.
Amen

Dir Schutz und Schirm vor allem Argen,
Stärke und Freude zu allem Guten.
Sei getragen in Gottes Liebe
jetzt und alle Tage
Amen

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