8. April 2020 - Gruppenpfarramt Vogelsberg - Tägliche Andacht

Von Pfr. Peter Weigle

Zornig auf Gott!?

Friede sei mit Euch, liebe Brüder und Schwestern, wir durchleben heftige Zeiten. Alles steht im Zeichen von Corona. Ich möchte Euch hier auf andere und doch sachbezogene Gedanken bringen. Darf man in diesen Zeiten mit Gott hadern? Oder muss man das sogar, um Gottes Willen? Dazu hier einige Gedankengänge:

Das, was wir gemeinhin unser Ich nennen, ist in Wirklichkeit eine Versammlung unterschiedlichster Gestalten, Regungen und Interessen. Zu dem gewohnten Modus Vivendi, der dies unter einen Hut bringt, sagen wir ‚Ich‘. Im Zuge spiritueller Erfahrungen, der Selbst- und Gotteserkenntnisse oder von existenziellen Krisen gerät diese gewohnte Balance ins Schlingern. Das ist nicht alles andere als erfreulich, es bedingt Ängste, Widerstände, Schmerzen, Wut und Trauer und manche narzisstische Kränkung. Und nur zu gerne reagieren wir auch mit einer gründlichen Verdrängung, weil wir nicht wahr haben wollen, was unseren Status quo infrage stellt.

Gestattet einen kleinen Ausflug in die Psychologie: Der sowohl von Erwachsenen als auch von Kindern am häufigsten gebrauchte vorherrschende Verdrängungsmechanismus ist das »Mutter-bei-Laune-halten«-Syndrom. (Dieses Syndrom ist ebenfalls auf den Vater anwendbar, insofern er eine aktive Rolle in der Kindererziehung spielt.) Das Kind ist absolut abhängig von dem Wohlwollen und der Liebe der Elternfigur. Wenn die Mutter nicht eine gute und liebende ist, erfährt das Kind Ärger und Frustration. Darüber hinaus wird das Kind fürchten, dass sein Ärger die Mutter von ihm weiter entfernen wird. Für das Kind ist der Verlust der Mutter gleichbedeutend mit dem des eigenen Lebens. Daher wird das Kind jegliche ambivalenten und negativen Gefühle instinktiv zu verdrängen und zu verleugnen suchen. Die »beste« Weise, mit der Kinder dies erreichen, liegt in der Erniedrigung ihres Selbstvertrauens und der Rückwendung ihres Ärgers auf sich selbst: »Ich muss sehr böse gewesen sein, damit Mutter so ärgerlich mit mir geworden ist.«

»Die Mutter bei Laune halten« ist eine vergleichsweise gesunde psychologische Lösung, weil es dem Kind die Möglichkeit gibt, mit der Wirklichkeit in Verbindung zu bleiben und die Illusion aufrechtzuerhalten, dass alles in gewissem Sinne seiner Aufmerksamkeit und Kontrolle unterliegt. Andere Lösungen könnten zu einem psychotischen Zusammenbruch führen. Ein Problem entsteht jedoch, wenn dieser unbewusste Mechanismus bis ins Erwachsenenalter beibehalten wird, wo er andere und gesündere Verhaltensweisen behindert. Noch größer wird das Problem, wenn dieser Mechanismus durch die religiöse Erziehung verstärkt wird, die das Kind erhält. Viele von uns werden in dem Glauben erzogen, dass Ärger und Zorn schlecht oder gar sündig seien; außerdem vermittelt uns die Schrift widersprüchliche Botschaften. Passagen wie »Jeder, der seinem Bruder auch nur zürnt, soll dem Gericht verfallen sein« (Matthäus 5,22) und »Jede Art von Bitterkeit, Wut, Zorn, Geschrei und Lästerung und alles Böse verbannt aus eurer Mitte« (Epheserbrief 4,3 1) scheinen zu implizieren, dass aller Ärger böse sei. Auf der anderen Seite beneiden wir einen wütenden Jesus, der, die Peitsche in der Hand, die Geldwechsler aus dem Tempel treibt und die Tische umwirft oder der seine Widersacher so bezeichnet: als »Gräber, die außen weiß angestrichen sind und schön aussehen; innen aber sind sie voll Knochen, Schmutz und Verwesung« (Matthäus 23,27). Falls Jesus Ärger und Zorn gekannt hat, dann kann Ärger nicht einfach mit Sünde gleichgesetzt werden. Ja, alle großen Propheten waren ärgerliche, ja zornige Männer und Frauen, die ihren Zorn kanalisiert haben in einer leidenschaftlichen Suche nach Gerechtigkeit.

Da wir bereits als Kinder unsere Ideen und Gefühle (auch in Bezug auf Ärger, Wut und Zorn und andere unbewusste Gewohnheiten) und den Umgang damit entwickeln, haben wir wahrscheinlich einige Schwierigkeiten, die Differenz zu verstehen zwischen dem nur Sich-über-jemand-ärgern oder diese Person als Ganzes zu hassen.. Wir mögen aber aus gutem Grund unsere Freundschaft entziehen oder zumindest ihr im Zorn begegnen, zum Verlust unserer grundlegenden Liebe aber darf dies nicht führen. Leichter gesagt, als getan.

Ärger ist ein Gefühl, das wir alle in gewissem Ausmaß jeden Tag erfahren. Er ist eine natürliche und unausweichliche Reaktion auf Frustration oder Entbehrung. Genau wie Schmerz auf eine physische Verwundung folgt, so taucht Ärger auf, wenn wir das Gefühl haben, dass wir ungerecht behandelt wurden. Ärger kann als psychischer Schmerz bezeichnet werden. Experten haben gezeigt, dass es in neurotischen Familienstrukturen niemandem gestattet ist, Ärger zu fühlen oder diesen gar auszudrücken-, wogegen Ärger in gesunden Familien in positiver Weise angenommen wird. Kinder werden dazu ermutigt, Ärger und Zorn zu fühlen und auszudrücken, und wenn sie dies ausdrücken, wird ihnen zugehört. Es ist völlig richtig, anzunehmen, dass, wenn jemand ärgerlich ist, er auch verletzt ist. Folglich tut man gut daran, zuzuhören und zu reagieren. In der Folge fühlen sich Kinder solcher Familien frei, ihren Ärger zuzulassen und auszudrücken. Sie fühlen sich stark in ihrem Arger. Nachdem sie ihren Ärger ausgedrückt und befriedigende Ergebnisse erreicht haben, können sie die Angelegenheit ablegen.

Dese psychologische Einsicht kann für unser emotionales und spirituelles Leben, unser Glaubensleben von Bedeutung sein: Es gibt keine echte Intimität, ohne die Fähigkeit, ernsthaft und offen mit Arger und Enttäuschung umgehen zu können. Sobald einer anfängt, jemand anderem nahe zu sein und wenn sich gegenseitige Intimität entwickelt, wird er/sie notwendigerweise häufig einmal ausgeprägten Ärger fühlen. Tatsächlich glaube ich manchmal, dass wir nur wirklich in einer leidenschaftlichen Weise über die ärgerlich werden, die wir lieben. Es macht uns verwundbar, wenn wir unseren Ärger, unsere Wut gegenüber jemandem, den wir lieben, spüren und dies dann auch noch ausdrücken. Das erfordert eine Menge Mut und ist ein profunder Akt von Vertrauen und Liebe. Wir können diesen Frust nicht unterdrücken oder verleugnen, ohne andere Gefühle, inklusive Zärtlichkeit und Liebe, zu unterdrücken. Würden wir das tun, müssten wir lernen, nur in unseren Köpfen zu leben und alle Probleme mit einem kalten Intellekt, anstatt mit einem warmen Herzen zu lösen. Gefühle sind wie ein Teller Spaghetti: Man erwischt nie nur eine einzige Nudel, sie kommen immer alle zusammen ...

In diesem Zusammenhang lautet mein Leitgedanke These, dass unser spirituelles, unser Glaubensleben dem Bemühen um eine Intimität mit Gott gleichkommt, d.h. einem Sinn für die Vertrautheit der Gegenwart Gottes. So wie Ärger ein natürlicher und unausweichlicher Teil unseres Intimlebens mit einem Mitmenschen ist, so ist er auch ein natürlicher und unausweichlicher Teil unseres Lebens der Vertrautheit mit Gott. Wenn wir etwas als ernsthaft verletzend betrachten, ob uns oder anderen gegenüber, sind wir zurecht ärgerlich. Normalerweise unterdrücken und verleugnen wir diesen Ärger. Wir halten Gott bei Laune, indem wir den Ärger hinunterschlucken. Aber wir müssen nicht jede Kröte schlucken, die unseren Weg kreuzt! Im Gegenteil. Manchmal gilt es laut und vernehmlich, nein zu sagen und dem Ärger Luft zu machen. Das justiert unseren Kompass und ebnet unseren Weg zu Gott.

Zorn Gott gegenüber ist also nicht notwendigerweise ein Zeichen mangelnden Glaubens oder Undankbarkeit, - womöglich ganz im Gegenteil!!

Sie dürfen vor Gott bringen, was sie erzürnt, besonders und gerade auch in diesen Tagen.

Von Herzen, Ihr Pfr. Peter Weigle