19. April 2020 - Gruppenpfarramt Vogelsberg - Tägliche Andacht

von Pfr. Peter Weigle

Zum Sonntag Quasimodogeniti

Jes 40, 26-31: Hebet zur Höhe eure Augen empor und sehet: Wer hat diese da geschaffen? Er, der ihr Heer herausführt nach der Zahl, ruft sie alle mit Namen: Wegen der Größe seiner Macht und der Stärke seiner Kraft bleibt keines aus. Warum sprichst du, Jakob, und redest du, Israel: Mein Weg ist ist vor dem Herrn verborgen, und mein Recht entgeht meinem Gott? Weißt du es nicht? Oder hast du es nicht gehört? Ein ewiger Gott ist Jehova, der Schöpfer der Enden der Erde; er ermüdet nicht und ermattet nicht, unergründlich ist sein Verstand. Er gibt dem Müden Kraft, und dem Unvermögenden reicht er Stärke dar in Fülle. Und Jünglinge ermüden und ermatten, und junge Männer fallen hin; aber die auf Jehova harren, gewinnen neue Kraft: sie heben die Schwingen empor wie die Adler; sie laufen und ermatten nicht, sie gehen und ermüden nicht.

Liebe Schwestern und Brüder,
Quasimodogeniti“ ist der Name des heutigen 1. Sonntags nach Ostern. „Wie neu geboren“, so die genaue Übersetzung, sollen und dürfen wir uns unter dem Eindruck der Auferstehung und des Osterfestes fühlen. Durch die ausgefallenen Gottesdienste und die Corona-Isolation fühle ich persönlich mich eher wie ein Fisch auf dem Trockenen. Mir fehlt der Kontakt zu meinen Schwestern und Brüdern und ich bin kein Mensch, der das durch Telefon, Mail oder Netzaktivitäten kompensieren kann. Bin zur Zeit eher einer von den Müden und Matten. Ich weiß um Gottes Güte, sein Licht, seine lebendige Gegenwart. Ich weiß an dem heutigen trüben Tag auch um die Sonne, die über der Wolkendecke sicher heftig strahlt, aber ihre Wärme erreicht mich heute nicht. Ich weiß um Gott, aber ich spüre die Verbundenheit heute nicht, bin eher kleinlaut.

Es ist so leicht und verführerisch, sich dem eigenen Sumpf, dem Gefühlsblues und der Schwermut zu überlassen und manchmal drückt sie einen förmlich nieder. Mir steht nicht ständig ein Siegerlächeln und das Gefühl der Stärke zur Verfügung, aber wenn ich Kraft für meine Nächsten brauche, ob in der Seelsorge, in der Begleitung von Sterbenden und Kranken, wenn ich mich im Namen Gottes zusammenreiße, um Trost und Zuwendung zu schenken, ist die Kraft plötzlich da, da können Quellen aufgehen, dass ich neu durchflutet bin und Gottes Liebe mich trägt. Und vielleicht muss man solche gefühlten Dürre- und SaureGurkenPhasen einfach zulassen und durchstehen. Ich gebe ich ihnen mitunter hin und dann erfolgt wieder die persönliche Mobilmachung. Dann lass ich Leben rein und teile Leben aus!

Luther nannte den sündigen Menschen den homo incurvatus in se, den in sich hinein verkrümmten Menschen. Wer nur auf das eigene Wimmern hört und vor dem Rauschen der eigenen Negativgefühle darniederliegt, der wird irgendwann nichts anderes mehr wahrnehmen. Hebt Eure Augen auf! Seht, was Euch geschenkt, gegeben und Euch möglich ist. Seht Gottes Weite Horizonte statt Euch in Eurem Elend zu vergraben!

Wir stecken in diesen Corona-Zeiten gründlich im Schlamassel, ja, aber seht doch wie viel Kreativität und Miteinander, welche Schaffenskräfte und welche Lebensenergie werden bei vielen in diesen Zeiten wach gerufen. Hebe Deine Augen auf und sieh wie groß und schön und weit das Leben ist.

Und auch wenn Du gerade nicht in Seligkeit schwelgst und Du Dir zum Hals raushängst, nimm Dich bitte nicht so wichtig. Du bedauerst Dein großes Leid? Aber bitte, was wäre Dein Leid ohne Größe? Und erkenne darin auch die Größe Deiner Chance Leben und Deiner Chance Glauben.

Ja, Du magst Dich manchmal von allen guten Geistern verlassen fühlen, das passiert. Aber verlasse Du nicht den guten Geist Gottes, der um Dich und mir Dir ist und auf Dich wartet. Es ist nicht schlimm, wenn Du ermattest, aber um Gottes und um Deinetwillen: komm auch wieder da heraus. Und wenn Du Dich zu schwach wähnst, hole Dir Hilfe, durch Deine Freunde oder deine Seelsorger, durch Gott selbst gar. Gott gibt dem Müden Kraft und dem Unvermögenden reicht er Stärke dar in Fülle. Dieses Glaubensgerücht hält sich nicht umsonst so hartnäckig. Hebe Deine Augen auf und sieh! Kreise nicht um Dich, sondern um Gott, den uralten Turm. Komm und lebe auf.

Pünktlich zum Osterfest ist die erste Tulpe in meinem Vorgarten aufgeblüht. Die Natur um uns herum grüßt in diesen Tagen mit so viel Anbeginn und Blüten, Knospen und zartem Grün.

Hebe Deine Augen auf! Schau hin! So viel Lebenskraft. Du bist ein Teil davon, - wenn Du es Dir erlaubst und gönnst. Das Leben ist zu kurz, um ein langes Gesicht zu machen. Komm fahre mal wieder auf wie ein Adler statt nur ängstlich am Boden rumzupicken. Komm spreize Deine Flügel für den großen Flug Leben und lass mal wieder Gott rein und lüfte Deine Welt mit Gebet und Gesang …
Amen