21. Mai 2020 - Gruppenpfarramt Vogelsberg - Tägliche Andacht

von Dorothée Tullius-Tomášek

Predigt zum Himmelfahrtstag, 21. Mai 2020

Lukas 24, 49-53: Jesus spricht zu seinen Jüngern die letzten Worte, bevor er sich von ihnen verabschiedet: „Und seht doch: Ich werde den Geist zu euch senden, den mein Vater versprochen hat. Bleibt hier in Jerusalem, bis ihr diese Kraft von oben empfangen habt." Jesus führte sie aus der Stadt hinaus bis nach Betanien. Dann hob er die Hände und segnete sie. Und dann, während er sie segnete, entfernte er sich von ihnen und wurde zum Himmel emporgehoben. Sie warfen sich vor ihm auf die Knie. Dann kehrten sie voller Freude nach Jerusalem zurück. Sie verbrachten die ganze Zeit im Tempel und lobten Gott.

Liebe Gemeinde! Liebe Leserinnen und Leser! Ich glaube, die Menschen, die den Himmelfahrtstag miterlebt haben, haben mit uns heute mehr gemeinsam als wir auf den ersten Blick glauben. Um dem auf die Spur zu kommen, möchte ich mit Ihnen etwas weiter ausholen: Klar ist, dass die Menschen damals und wir heute gerade etwas Einschneidendes erlebt haben: Sie und wir wurden mit etwas konfrontiert, was keiner bisher erlebt hatte. Alles wurde durcheinander gewirbelt, was bisher als möglich galt. Für sie und für uns brauchte es eine Zeit des Einordnens, nachdem alles durcheinander geraten war.

Ja, ich glaube, dass für die Menschen damals tatsächlich die Botschaft der Auferstehung ein aufrüttelndes Erlebnis war. Und wenn wir den ersten Zeugnissen der Auferstehung glauben, war da zunächst nicht nur unbändige Freude, wie man vielleicht vermuten würde, sondern „Zittern und Entsetzen“. Mit diesen Worten endet das älteste Evangelium nach Markus – die Frauen flohen von dem Grab. Auch die Frauen am Grab nach dem Lukasevangelium sind zunächst „erschrocken“. Alles scheint auf den Kopf gestellt. Auf jeden Fall mussten sie erst einmal begreifen und verdauen, was da geschehen war.

Mit der Situation unserer Tage konfrontiert, ging es uns in den letzten Wochen wohl ähnlich. Entsetzen war da allemal. Da war auf einmal etwas, was man vorher nicht zu denken gewagt hat. Ging es ihnen auch so, dass sie sich diese Geschichte mehrere Mal selbst immer wieder erzählen mussten, um es irgendwie zu verstehen? Angst war da und der Wunsch, dass alles doch nicht so gemeint war. Morgen wachen wir auf und alles ist wieder normal… Ich kam mir auch etwas orientierungslos vor und musste erst einmal lernen, die Dinge nach und nach einzuordnen.

Die erste Konfrontation haben wir gemeistert und für uns einen Weg gefunden, wie wir mit der Situation für uns umgehen. Aber jetzt müssen wir nach vorne schauen und immer noch mit vielen Unabwägbarkeiten für uns und unsere Gesellschaft zurechtkommen. Die erste Aufregung ist der Gewöhnung ans Abwarten gewichen. Der erste Spannungsbogen ist geschafft, der nächste liegt vor uns. Und nach dem ersten Verdauen, kommen nun viele Fragen: War der Lockdown notwendig? Auf welchen Grundlagen haben unsere Vertreter ihre Entscheidungen getroffen etc.?

Jetzt wird viel angezweifelt und hinterfragt …

Als eine Reaktion auf Anfragen lese ich auch die Geschichten, die uns Lukas am Ende seines Evangeliums erzählt. Die erste umstürzende Botschaft – Jesu Auferstehung von den Toten – ist in der Welt, nun gilt es vieles, was damit zusammenhängt, besser zu verstehen und für sich einzuordnen. Nun haben sie die Tragweite dieser unglaublichen Botschaft verstanden.

Und nun gab es bestimmt einigen Gesprächsstoff unter den Jüngern, was es mit dieser Geschichte am Grab auf sich hatte. Und man kann sich vorstellen, dass unter den Jüngern und unter viele, die diese Botschaft gehört haben, viele Fragen aufgebrochen sind.

Die Absicht des Lukas mit den Geschichten, die er uns nach der Auferstehung erzählt, ist, zu ordnen und Orientierung im Glauben zu geben. Lukas will die ganzen Bedenken und Fragen, die mit der neuen Erfahrung und der Denkmöglichkeit der Auferstehung entstehen, auffangen und Antwortrichtungen aufzeigen.

Der Bogen, der sich nach der Auferstehung im Lukasevangelium weiterzieht, erzählt von den Begegnungen der Jünger mit dem Auferstandenen. Eine Frage, die nach der Auferstehung aufbrach, war sicherlich: Ihr habt Jesus nach seinem Tod gesehen? Wie soll denn das bitte gegangen sein? Und die Geschichte der zwei Jünger, die Jesus auf dem Weg nach Emmaus begegnen, versucht eine Antwort an die Fragenden zu geben: Jesus tritt unerkannt zu ihnen und sie erkennen ihn, als er mit ihnen das Brot bricht, so wie er es im Abendmahl schon einmal getan hat. Die Jünger sind Jesus in Gemeinschaft und im gemeinsamen Teilen von Essen und Trinken wieder begegnet.

Andere Zweifler haben wiederum spekuliert: Die Jünger haben ein Gespenst gesehen! Niemals haben sie den Jesus gesehen, den wir am Kreuz haben sterben sehen. Und Lukas lässt Jesus leibhaftig vor den Jüngern auftreten und seine Wundmale zeigen – sozusagen als Beweis, dass er wirklich gestorben und auferstanden ist.

Auch wir erleben, dass gerade viele Zweifel und Entwicklungen von Theorien, dass alles auch ganz anders sein könnte, Hochkonjunktur haben. Und die Landschaft blüht mit den abstrusesten Erklärungen, die versuchen komplexe Geschehen in einfachen Welterklärungsmodellen zusammenzufassen. Sie versuchen Schuldige zu finden, um sich selbst zu entlasten. Und dabei spielen meistens dunkle – ja satanische Mächte – eine Rolle, die anscheinend Böses für alle im Schilde führen. Ich weiß nicht, wie es ihnen geht, ich werde immer etwas hellhörig und stutzig, wenn mir jemand anhand eines Modells erklären will, wie die Welt funktioniert und dass ich leider noch nicht zu den Privilegierten gehöre, die mehr verstanden haben als andere. Auf manches mögen diese Modelle Antworten geben, aber auf vieles auch nicht. Nämlich die wirklich Fragenden nehmen sie nicht ernst.

Zugegeben, die Auferstehung ist auch eine Art „Antwortmodell“, wenn man so will. Aber: In diesem Glauben geht es nicht um böse, sondern um gute Mächte! Es geht darum, dass das Leben siegt. Der Glaube an die Auferstehung ist naturwissenschaftlich nicht beweisbar, aber in ihm ist eine Kraft zu finden, die nicht auf Angst fußt, sondern ermutigen will! Die Antwortansätze des Lukas erzählen von der Liebe Gottes, die über den Tod hinaus wirkt und in Begegnungen präsent ist.

Die Erzählung der Auferstehung eröffnet viele Fragen, auf die Lukas mit seinen Erzählungen versucht, seine Ansichten unterstreichen: Aber er ist sich auch bewusst, dass der Glaube immer ein Fragender bleiben wird. Das liegt in seiner Natur. Immer wieder neu macht sich ja auch unser Glaube auf die Suche. Vielleicht stellen wir auch fest, dass wir manche Ansichten verändern müssen – der christliche Glaube und sein Glaube an die Auferstehung bietet eben kein geschlossenes Weltbild, sondern bleibt immer wachsam für das, was um mich herum passiert.

Fragen und Zweifel scheinen uns Menschen nach einschneidenden Erlebnissen umzutreiben und nach Orientierung suchen zu lassen. Eine entscheidende Frage für uns, die dahinter liegt, lautet: Woran orientiere ich mich, wenn ich Antworten für mich suche? Und das, liebe Gemeinde, ist die Klammer, die mich zum Himmelfahrtfest führt: Jesus, der nach seiner Auferstehung für die Jünger augenscheinlich präsent war und ihnen – laut Lukas – ihre Fragen leibhaftig beantworten konnte, wird jetzt in den Himmel empor gehoben.

Derjenige, der Orientierung in all der aufbrechenden Unsicherheit gegeben hat, verschwindet nun aus dem Blickfeld und geht in eine andere Dimension ein. Was auf den ersten Blick wie ein Abschied aussieht, ist aber auf den zweiten Blick ein neuer Beginn: Lukas schreibt: „Und dann, während er sie segnete, entfernte er sich von ihnen und wurde zum Himmel emporgehoben.“ Jesus verlässt nicht einfach so diese Erde und seine Jünger, sondern gibt ihnen seinen guten Segen mit auf den Weg. Die Verbindung zwischen Himmel und Erde lässt er so nicht abreißen.

Der Segen Jesu bleibt bei uns, wenn wir hier zurückbleiben und in den Himmel schauen. Er bleibt bei uns, wenn wir auf unserem Weg nach Antworten suchen – in seinem Namen können wir sie finden. Mit der Himmelfahrt Jesu bleibt seine Präsenz nicht nur auf einen bestimmten Tag oder einen bestimmten Ort beschränkt – der Himmel bleibt immer um uns herum. So auch der Segen.

Ich wünsche Ihnen auf ihrem Weg mit Fragen und Antworten im Glauben stets viel Himmel im Herzen und Geduld, auch wenn sich uns Gottes Wege für uns nicht immer gleich erschließen mögen.

Ich wünsche Ihnen auf ihrem Weg die Welt zu verstehen, stets ein wachsames Herz, das sich nicht ängstigen lässt, sondern auf Gottes Segen für diese Welt vertraut.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, stärke unsere Herzen vom Himmel aus, heute und bis in Ewigkeit. Amen.

Druckversion

Kommentar schreiben

Achtung: Ihre Daten werden gespeichert.


Sicherheitscode
Aktualisieren


Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies). Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.