23. August 2020 - Gruppenpfarramt Vogelsberg - Tägliche Andacht

von Pfr. Peter Weigle

Er sagte aber zu einigen, die überzeugt waren, fromm und gerecht zu sein ...

Sonntag, den 23.08. 2020 - Predigt zu Lukas 18, 9-14

Er sagte aber zu einigen, die überzeugt waren, fromm und gerecht zu sein, und verachteten die andern, dies Gleichnis: Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. Der Pharisäer stand und betete bei sich selbst so: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher, oder auch wie dieser Zöllner. Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme. Der Zöllner aber stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig! Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.

Viele von uns kennen diese Geschichte. Wer sie hört, stellt sich schnell insgeheim die Frage: wer bin ich in dieser Geschichte?
Der normale Zuhörer will natürlich lieber wie der Zöllner sein, bescheiden und ehrlich. Aber der Zöllner war schon quasi von Berufs wegen für die Menschen seiner Zeit ein Sünder. Die wiederkehrende Pointe der Heiligen Schriftwie auch dieses Gleichnisses ist ja, dass Gott die Sünder besonders liebt. Um sie kümmert er sich. Und wer will nicht von Gott besonders geliebt sein? Wer will nicht, dass sich Gott um ihn besonders kümmert?

Also sagen viele von sich: ich bin ein elender sündiger Mensch. Damit hoffen wir auch, uns Gottes Zuwendung zu sichern. Früher war dieser Irrsinn der Selbstbezichtigung und Selbstgeißelung weit verbreiteter.

Aber bis in unsere Tage sind allzu gut gelaunte Menschen uns eher verdächtig. Dumm nur, dass bei all‘ dem de facto schrecklich zerknirschte Christenmenschen herauskommen, denen man die Fröhlichkeit des Evangeliums überhaupt nicht mehr anmerkt. Solche Christen geraten in der Konsequenz nur zur üblen Spaßbremse. Ebenso wie die, die andere verachten, weil sie nicht ‚gläubig‘ sind.

Der Unterschied zwischen dem Pharisäer und dem Zöllner besteht ja gar nicht darin, dass der eine ein Sünder ist und der andere nicht. Beide sind per se geliebte Kinder Gottes (und Sünder zugleich). Aber der eine, der Pharisäer, zieht sein Selbstbewusstsein aus dem Vergleich mit dem anderen. ‚Danke, dass ich nicht so bin wie dieser da.‘

Doch, wenn wir ehrlich sind, das machen wir alle oft und immer wieder. Wir sehen einen Obdachlosen und sind froh, dass wir nicht so verwahrlost sind wie der da. Wir sind froh, dass wir nicht so zickig und keifend sind wie die Nachbarin. Nicht so jammernd wie der Nachbar. Nicht so durchgeknallt, wie dieser, nicht so geschwätzig oder so dick wie jener. All diese inneren Sätze wurzeln in dem herablassenden Blick auf unsere Nächsten, und ein unausstehlicher Dünkel ist dann nicht weit.

Wir alle kennen auch den umgekehrten Vergleich, wo wir uns kleiner und mickriger vorkommen als Menschen um uns herum, wir wären auch gerne so attraktiv, so wohlhabend, so gebildet, so klug, so beliebt wie diese da. Da fühlt man sich zu kurz gekommen. Wie neigen immer wieder dazu, das Glück anderer zu überschätzen und das eigene Glück zu unterschätzen.

In beiden Richtungen des Vergleichens gilt: Wer so denkt, missachtet sich oder die anderen, verkennt Wesen und Würde des von Gott geliebten Menschen. Wird undankbar und garstig.
Wer so betet und denkt wie der Zöllner, bittet übersetzt: ‚Bitte, hab mich so lieb wie ich bin.‘ Wer so spricht, weiß, so toll bin ich auch nicht. Der weiß auch um sein Versagen. Keiner von uns ist so gut wie er sein will und wie er um Gottes willen sein könnte.

All‘ diese Unterschiede, die wir machen, spielen vor Gott keine Rolle. Seine Liebe ist groß und weit genug, einen jeden, uns alle darin einzuschließen und zu bergen. Also haltet Ihr es wie der Zöllner. Der baut darauf, dass Gott ihn liebt, trotz all‘ der Dinge, die er auch verkehrt macht.

Der Vergleich ist die Mutter der Unzufriedenheit, habe ich gelernt. Und mein Freund Larson Medicinehorse vom Stamm der Sioux lehrte mich:
Wenn Du jemand beneidest, gehe drei Tage in seinen Schuhen ….

Wenn schon Vergleich, dann lieber mit Jesus selbst. Was er in Wort und heilender Tat lebte, war die frohe Botschaft, dass wir aufleben können, wenn wir uns von Gottes Liebe tragen und leiten und bewegen lassen. So, dass wir in der Folge, in der Nachfolge, allen Mitmenschen begegnen wie Jesus es tat. Immer auf Augenhöhe. Immer mit dem Ziel, in dem anderen den von Gott geliebten Menschen zu erkennen. Auch immer mit der Bereitschaft zur Ermutigung, Stärkung und mit dem Bestreben, andere aus ihrem Loch herauszuholen, ihnen beizustehen. Das erzählen die Evangelien immer wieder.

Wie hat Jesus das gekonnt? Die Antwort ist einfach: Er hat immer gewusst, dass er von Gott geliebt ist. Das hat er nie in Zweifel gezogen, nicht einmal als sie ihn hingerichtet haben. Von Gott geliebt, in seiner Liebe geborgen, komme, was da will, auf dass wir Liebende sein können, Liebende Gottes und unserer Mitmenschen. Die Kraft zur Liebe, zu einem erfüllten Leben, mit gesundem Selbstbewusstsein und von guten Mächten wunderbar geborgen, diese Kraft ist uns allen mitgegeben und ist mit der Taufe in uns verankert.

Wer bin ich bei dieser Geschichte? So habe ich eingangs unsere Reaktion beschrieben. Das ist zweitrangig. Wir sind von Gott geliebt und zur Liebe berufen. Setzen wir auf die Wahrheit unseres Glaubens und die große Möglichkeit Gottes mit uns! Alles andere wird uns zufallen.
Amen

 

Gebet

Gott,
Du, Geheimnis der Welt!
Du betreibst uns, wir sind deine Früchte, Deine Erfindungen,
Deine Mitarbeiter und manchmal auch Gegenspieler,
aber dennoch holst Du uns ein und badest aus
und richtest zurecht und stehst durch, was wir versäumen,
und genießt mit uns, was uns an Freude widerfährt.
Wir bitten Dich, dass in uns Dein Stern aufgeht
und durch uns Licht und Lebensmut ausgehe,
wir bitten, dass wir von Dir immer wieder
zur Liebe und zum Vertrauen gewonnen werden,
auch zu einem Selbstbewusstsein,
das nicht von schlechten Eltern ist,
sondern in Dir gründet, in Deinem Atem, Deinem Willen.
Wir bitten Dich, dass wir die Würde des Nächsten
erkennen und achten und schützen.
Auch in unseren Nächsten Deinen Stern erkennen und Deinen Glanz.

Ach Gott, wir bitten Dich um Achtsamkeit
und den Mut zur Zuwendung,
so wie Du uns zugewandt bist.
Gib, dass wir uns auch einbringen
in die politische Gestaltung unseres Zusammenlebens.

Wir bitten Dich für all die Völker in Not, Elend und Entrechtung.
Und wir bitten Dich für Deine geschundene,
von uns geschändete Erde.

Was uns selbst bewegt, bitten wir in Stille …

 

 

 

Segen

Gott, der Herr, segne Dich und behüte Dich,
der Herr erhebe sein Angesicht auf Dich,
er lasse leuchten sein Angesicht über Dir
und berge Dich in seinem
Frieden.