29. August 2020 - Gruppenpfarramt Vogelsberg - Tägliche Andacht

von Pfarrer Jürgen Pithan

„Alles ist möglich, dem der da glaubt“

Fünf Jahre nach Angela Merkels „Wir schaffen das“

mundschutz smallKrisenmanagement geht nicht ohne Zuversicht. „Alles ist möglich, dem der da glaubt“ (Mk. 9,23), sagt Jesus dem Mann, der ihn fragt, ob er sein krankes Kind heilen kann. Es geht nicht ums Können, sondern darum, fest daran zu glauben, dass das Kind gesund wird. Stimmt. Der Mann ist nicht einfach am Bett des Kindes sitzen geblieben, sondern hat sich auf den Weg gemacht, um jemanden um Hilfe zu bitten. Dieser Jemand ist Jesus, einer von dem gesagt wird, er bringt den Himmel auf die Erde. Der Glaube daran, dass sich eine Sache zum Guten ändern kann, ist keine Garantie, dass es tatsächlich gut wird. Doch ohne diesen Glauben ist es ausgeschlossen, dass es gut wird.

Als Angela Merkel 2015 als Staatschefin in der Verantwortung stand, die geflohenen Menschen vor den Grenzen in Deutschland aufzunehmen oder abzuweisen, hat sie eine zuversichtliche Haltung eingenommen. „Wir schaffen das“, hat sie gesagt. Sie ist für diesen Satz oft kritisiert worden. Ich habe die Kritik nie verstanden. Zu dem Zeitpunkt, als sie das gesagt hat, war die Öffnung der Grenzen die einzig menschliche Entscheidung. Was hätte sie denn sonst entscheiden sollen? Schusswaffengebrauch? Verhungern lassen? Über die politische Situation, die es dahin hat kommen lassen, lässt sich herrlich streiten, doch nicht über die Entscheidung für die Menschlichkeit. Und auch nicht über die Zuversicht der Kanzlerin eines der reichsten Länder dieser Erde. Sie hatte mit ihrer Zuversicht recht behalten. Denn „WIR“ haben viel geschafft – für und mit den Geflohenen. Es ist nicht alles gut geworden, wahrlich nicht. Doch Angela Merkels Satz hieß ja auch nicht: „Alles wird gut.“ Ihr Satz war ein Appell an UNS.

In der „Corona-Krise“ –, sind wieder Krisenmanagement und Zuversicht gefragt. Wieder ist es Aufgabe der politisch Verantwortlichen für Zuversicht zu sorgen. Alle Maßnahmen – Abstand halten, Hygiene beachten, Alltagsmasken tragen – sind ein großes: „Wir schaffen das“. Gestern hat Angela Merkel im Sommerinterview wieder einen Appell an UNS gerichtet: „Nehmt die Krise bitte ernst!“ Das Krisenmanagement kommt wieder nicht ohne UNS aus. Es kommt auf die Zuversicht jedes und jeder Einzelnen an. Ohne die Zuversicht, dass die Zeiten kommen, in denen wir wieder angstfrei Händeschütteln und Umarmen können; ohne die Zuversicht, dass die Clubs wieder zum Tanzen öffnen und die Bundesliga vor vollen Rängen kickt, wären wir schon am Ende. Diese Zuversicht brauchen wir.

„Ein Pessimist ist ein Optimist, der nachgedacht hat“, steht auf einer dieser Spruch-Postkarten, die überall in den Deko- und Ramschläden zu haben sind. Ich frage mich: Wem schickt man diese Karte? Landet die Karte bei einem fröhlichen Zeitgenossen im Briefkasten, dessen Zuversicht allen auf die Nerven geht?

Schwarzmalerei ist allgegenwärtig in jeder Krise – Flüchtlinge und Corona – und in den Katastrophen, die die Welt beschäftigen: Klimakatastrophe, Vermüllung der Meere, Demokratie-Verdrossenheit. Vielleicht darf ich das gar nicht Schwarzmalerei nennen, schließlich handelt es sich ja weitestgehend um nachprüfbare Fakten. Die will ich auf keinen Fall anzweifeln. Ich frage mich nur: Wofür ist dieser Pessimismus eigentlich gut? Geht’s ums Rechthaben? Oder geht es darum, sich zu rüsten für die Katastrophen?

Spätestens, wenn ich in der Krise und im Hinblick auf die (kommenden) Katastrophen anfange, etwas zu ändern – durch Rücksicht, Nachbarschaftshilfe, Radfahren, Müllvermeiden oder mal mit den Politikern reden – dann hat der ganze Pessimismus verloren. Denn wer etwas ändern will, ist deswegen noch kein Optimist, aber schon mal ein bisschen zuversichtlich. Ich glaube ja sowieso, dass Pessimismus gern vorgeschoben wird. Wenn alles keinen Sinn hat, kann der Pessimist nämlich mit seinem Allerwertesten auf dem Sofa sitzen bleiben und die Katastrophe in aller Ruhe auf sich zukommen lassen. Liebe Pessimisten, runter vom Sofa! Die Zuversichtlichen brauchen euch.

Alles ist möglich, dem der da glaubt. – Nein. Das ist keine Versicherung, dass alles gut wird. Doch es ist die richtige Haltung für Eltern kranker Kinder, für Verantwortliche in der Politik, in der Pandemie … kurz: für alle Menschen. Mit Gottes Hilfe. Amen.


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